| Der
internationale Flughafen von Miami war die Basis der Eastern Airlines.
Sie verband Miami mit vielen Städten in den USA und der Karibik. Täglich
kreuzen viele ihrer Jets das Bermuda Dreieck ohne Zwischenfälle. Darüber
hinaus ist der hohe Sicherheitsstandard der EA international anerkannt.
Am Abend des 4. Mai 1983 landete eine EA - TriStar mit der Registrierung N334EA
in Miami. Sie wurde für den Nachtstop im EA - Hangar abgestellt. Das
Wartungspersonal führte die normalen Arbeiten durch und bestätigte
sie auf den Arbeitskarten. Außerdem wurden noch einige bisher zurückgestellte
Beanstandungen behoben.
Die Techniker sollten neben den Routinearbeiten die Master Chip Detectors überprüfen. Der Check war angeordnet worden, weil im September 1981 Probleme mit den
RB211 Triebwerken aufgetreten waren. In einigen Fällen mußten sie wegen Unregelmäßigkeiten sogar im Flug abgestellt werden.
Um die Fehlerquelle einzukreisen und weiteren Schaden zu vermeiden, waren die Master Chip Detektoren im linken Bereich des Niederdruckkompressors eingebaut
worden; sie bestanden aus einem Gehäuse mit magnetischem Fühler, der in die Schmierstoffversorgung eingeführt wurde. Sollte irgendwo
ein Lagerschaden auftreten, würden kleine Metallpartikel durch die Ölleitungen geschwemmt und von den Magneten dieses Systems festgehalten
werden. Die ursprünglichen Überprüfungsintervalle von 250 Stunden wurden auf 25 Flugstunden reduziert, um abweichende Werte in den
Wartungsdiagrammen frühzeitig entdecken und analysieren zu können.
Während des Checks mußte der Flugzeugwart den Detektor zuerst an jedem Triebwerk herausdrehen und ihn in eine Plastikhülle legen. Danach wurden neue
Magnetfühler eingebaut und schließlich die Anzahl der Metallteilchen an den Magneten registriert. Sollten größere Mengen von Partikeln auftreten, würde die Sonde ins Labor zur genaueren Untersuchung
weitergeleitet werden.
Am frühen Morgen des 5. Mai 1983 wurde die N334EA für den Einsatz als Flug 855 von Miami nach Nassau bereitgestellt. Für diesen Trip
von 162 Meilen waren 37 Minuten Flugzeit vorgesehen. Um 8.56 Uhr Eastern Time hob Flug 855 von der Startbahn 27 Links mit einem Startgewicht von 149 Tonnen einschließlich 21 Tonnen Kerosin ab. An Bord befanden
sich 162 Passagiere, die meisten von ihnen Urlauber.
Links im Cockpit saß Kapitän Richard Boddy, rechts als Kopilot Steve Thompson, ebenfalls Kapitän. Flugingenieur war der Zweite Offizier Dudley Bames. Boddy war
ein umgänglicher Mann und bekannt für seine gleichbleibende Ruhe bei Streß. Erst seit März flog er auf der TriStar. Als Trainingskapitän sollte Thompson ihm den zweiten
Checkflug für das neue Modell abnehmen. Da Boddy noch nicht die volle Qualifikation besaß, flog zwar er, doch Thompson war Kommandant. In der Kabine taten sieben Flugbegleiter Dienst, Chefin
war Senior Flight Attendant Shirley Alexiou. Insgesamt waren also 172 Menschen an Bord.
Das Wetter beim Abflug in Miami war gut bei durchbrochener Wolkendecke in 2.300 Fuß und einer Sicht von sieben Meilen. Die Vorhersage für Nassau war auch gut, einige
Regenschauer wurden erwartet, aber das war normal für diese Jahreszeit. Die TriStar war im Steigflug, als eine Gewitterfront in der Nähe des Flughafens von Nassau den Himmel überzog. Die
Sicht ging auf vier Meilen zurück, es regnete leicht. Falls sich der Durchzug der Front verzögerte, mußte mit schlechtem Wetter bei der Ankunft gerechnet werden.
Boddy stieg zunächst in westliche Richtung mit 170 bis 180 Knoten, folgte der Miami – Abflugroute Nr. 5 und kurvte in 500 Fuß Höhe auf einen Steuerkurs von 250 Grad. Thompson rief die Abflugkontrolle und erhielt
die Anweisung, im Süden des Platzes weiter auf Ostkurs zu drehen. In 1.000 Fuß nahm der Kapitän die Schubhebel auf 1,40 EPR Steigleistung zurück (Engine Pressure Ratio, Druckverhältnis im Triebwerk zwischen
der Hochdruck- und der Niederdruckstufe), während Flugingenieur Bames routinemäßig seine Instrumente beobachtete.
Beim Durchfliegen von 1.500 Fuß gab Bames auf dem Dreier Radioset die Startzeit an Eastern Airlines durch und las den Rest der Checkliste für den Steigflug vor. Wieder
gingen die Augen von Bames über das Panel. Boddy nahm Fahrt auf, ließ die Startklappen stufenweise einfahren und stieg ab 5.000 Fuß normal mit 250 Knoten. Bei 10.000 Fuß
ließ er die Geschwindigkeit auf 300 Knoten für den Steigflug auf Level 230 (Flughöhe 23.000 Fuß) anwachsen.
Um 9.01 Uhr rief Thompson Miami Center auf 127,0 MHz, Flug 855 wurde mit Direktkurs nach Nassau freigegeben. Boddy nahm die Maschine leicht nach rechts auf 110 Grad und stieg,
begünstigt durch das niedrige Gewicht, schnell auf die zugewiesene Höhe. Als er durch 18.000 Fuß ging, stellten die Piloten die Höhenmesser vom aktuellen Luftdruck am Boden
auf den Standardwert von 29,29 Inches Quecksilbersäule um.
Als der Autopilot um 9.08 Uhr die Flugfläche 230 erreichte, zog er die Flugzeugnase horizontal, Boddy nahm die Schubhebel auf l ,30 EPR zurück und justierte die
Geschwindigkeit bei 300 Knoten. Vom Start bis zur Reiseflughöhe waren nur zwölf Minuten vergangen, schnell würden sie die Insel New Providence erreichen. Es war nur ein kurzer
Flug, der die Crew aber auf Trab halten sollte.
Miami erlaubte den Sinkflug, die N334EA war zunächst auf 9.000 Fuß freigegeben. Um 9.10 Uhr, nach einem Geradeausflug von nur zwei Minuten, gingen die Gashebel auf
Leerlauf zurück. Noch 80 Meilen bis Nassau. Die Flugzeugnase senkte sich leicht, da die Geschwindigkeit auf 280 Knoten abfiel. Thompson wechselte die Frequenz auf Miami Oceanic Control Area
(OCA), um mit dieser Leitstelle bis auf 6.000 Fuß in Kontakt zu bleiben. Dann würde Nassau Approach, die Anflugkontrolle, sie auf 121,0 MHz übernehmen. Inzwischen hatte Flugingenieur Bames bereits Nassau gerufen,
um die bevorstehende Landung anzumelden.
„Nassau Approach, good morning, Eastern 855 is passing flight level two zero zero, descending, DME seven zero." (Entfernung laut DME = Distance Measuring Equipment: 70 Meilen)
„Good moming, Eastern 855."
Und dann kam die erste Dusche: „Ich habe das neue Wetter für Sie von 9.00 Uhr. Wolkenuntergrenze 1.000 Fuß, Sicht vier Meilen. Im Osten und Süden gehen die Wolken
auf 500 bis 800 Fuß herunter, Gewitter im Norden. Der Wind kommt aus 300 Grad mit drei Knoten. Temperatur 57 Grad Fahrenheit bei leichtem Regen. Sie sind Nummer zwei im Anflug, eine kleine
Zweimotorige ist 30 Meilen vor Ihnen."
Auf dem Airport von Nassau war die Landebahn 32 in Betrieb (Kompaßrichtung 320 Grad), sie war 11.000 Fuß lang. Bei dem leichten Wind hätte die TriStar auch die
entgegengesetzte Bahn 14 anfliegen können, aber eine große Gewitterwolke im Nordwesten hatte dieses Vorhaben vereitelt. Weil ihnen ein Instrumenten - Landesystem (ILS) nicht zur Verfügung
stand, konnten sie sich nur an der VOR, dem Funkfeuer im UKW-Bereich, orientieren. Für die Landung in Nassau waren Mindestwetterbedingungen vorgeschrieben: die Wolkenuntergrenze
durfte 400 Fuß nicht unterschreiten, die Sicht nicht geringer als eine Meile sein. Eine Kaltfront lag quer über der Insel, die Sturmzelle war auf dem Bordradar klar zu erkennen. Wegen
der Wettersituation und der vorausfliegenden kleinen Maschine erhielt Flug 855 einen 'DME arc Approach' auf die Bahn 23. Das bedeutete einen Anflug auf einen Kreisbogen von zehn Meilen Radius im
Südosten des Airports.
Ohne Radarführung und bei einem Wetter hart am Limit, das sich weiter verschlechtern würde, würde es für Boddy nicht einfach werden. Bames konnte wegen
anderer Aufgaben nur bedingt seine Instrumente beobachten. Er füllte das kleine Formular mit den Landegeschwindigkeiten aus und gab es den Piloten. Er verlas die verschiedenen Checklisten,
rief auf der Companyfrequenz das Büro der EA und teilte ihre voraussichtliche Ankunftszeit und einige Einzelheiten mit, die die Passagiere betrafen.
Plötzlich, als die TriStar die Anflughöhe von 15.000 Fuß passierte, bemerkte Boddy, daß auf dem vorderen Instrumentenpanel das Warnlicht für zu
niedrigen Öldruck im Triebwerk Zwei aufleuchtete. Er rief den Flugingenieur, der aber hatte wegen Nebenaufgaben seit etwa fünf Minuten nicht mehr auf seine Instrumente geschaut. Die
Anzeigen für Ölmenge und Druck lagen für ihn in Augenhöhe, sie wären also leicht zu beobachten gewesen. Während des Flugs zeigten die Vorratsmessungen 18 Quarts, was
dem Normalstand entsprach, obwohl der Tank 21 Quarts faßt. Der Öldruck der Triebwerke Eins und Drei lag im normalen Bereich, die Vorratsanzeige wies jetzt 15 Quarts aus. Schwankungen
bis zu drei Quarts waren nicht ungewöhnlich und kein Grund zur Beunruhigung, aber mit den Werten für Nummer Zwei war das anders. Nur acht Quarts wurden als Rest im hinteren Triebwerk
angezeigt, der Öldruck pendelte zwischen 15 und 25 Ib/sq inch. Der Mindestdruck für den Normalbetrieb beträgt aber 30 Ib/sq inch.
Flugingenieur Bames hatte auf der TriStar noch nie Ärger mit dem Öldruck gehabt. Doch jetzt gab es keinen Zweifel, er hatte ihn. Wenn das Triebwerk diese Werte
länger ertragen mußte, würde es bald von selbst schweigen. Kapitän Boddy blieb keine Wahl, er mußte es nach Checkliste abstellen.
Bames nahm zunächst den Schubhebel Zwei zurück und legte den Zündschalter auf Aus. Damit wurde auch die Kraftstoffversorgung unterbrochen. Während
die Turbine allmählich langsamer drehte, ordnete der Kapitän
den Start der APU an, der auxiliary power unit im Heck des Flugzeugs. Das
ist das normale Verfahren, wenn in der TriStar ein Motor ausfällt.
Dann versorgt diese kleine Zusatzturbine die Systeme des Flugzeugs mit
der nötigen Energie. N334EA war leicht, und der Flug konnte auch mit
zwei Triebwerken ohne Schwierigkeiten fortgeführt werden.
Die
Wetterlage in Nassau aber wurde kritischer. Es regnete wieder, die Sicht
war auf eine Viertelmeile zurückgegangen, weit unter das Minimum von
einer
Meile. Ein Anflug mit zwei Triebwerken unter diesen Wetterbedingungen und
ohne Radarunterstützung war nicht erlaubt. Aber es würde viel
Zeit kosten, auf Besserung zu warten. Selbst wenn es schnell aufklaren
sollte, würde die kleine Maschine voraus eine sofortige Landung behindern.
Die Uhr zeigte 9.15 Uhr, Nassau lag noch 50 Meilen voraus, Miami 100 Meilen
hinter ihnen. Bei schlechter Sicht am Ziel war es klüger, wieder nach
Hause zu fliegen. Das Wetter dort war gut, die technische Betreuung in
Reichweite. Ein größeres Problem am Triebwerk ließ sich
einfacher in der eigenen Werft beheben. Die Crew besprach die Lage. Der
Kapitän entschied, nach Miami zurückzukehren. Sie würden
in 30 Minuten wieder am Boden sein. Boddy erhöhte den Schub bei den
Außentriebwerken auf 1,35 EPR und hielt die Maschine auf 12.000
Fuß, während Thompson wieder Miami OCA rief.
"Miami,
Eastern 855, we have lost number two engine and we've stopped the descent
at twelve thousand. We'd like reclearance to retum to Miami."
„Roger,
Eastern 855", kam von dort zurück, „fliegen Sie eine Kehrtkurve auf
Steuerkurs zwei neun null und bleiben Sie in 12.000. Rufen Sie für
weitere Anweisungen Miami Center auf 127,0."
Um
9.17 Uhr drehte Flug 855 in 12.000 Fuß mit einer Linkskurve zurück
Richtung Miami mit einer Geschwindigkeit von 300 Knoten. Der Flugingenieur
rief die EA in Nassau und informierte sie über den Rückflug.
Boddy teilte unterdessen der Senior Stewardeß die schlechte Nachricht
mit.
Während
sie nach Norden drehten, hatte Thompson die Verbindung mit Miami Center
wieder hergestellt. Der Controller bestätigte den Anruf, konnte aber
die Maschine auf seinem Radarschirm noch nicht erkennen.
„Eastern
855, bleiben Sie auf Ihrem Kurs", kam Miami, „wir werden Sie wohl in Kürze
auf dem Radar sehen. Wollen Sie eine größere Höhe haben?"
„Ja,
wir würden gern auf 19 bis 21.000 gehen."
„Okay,
Eastern 855. Was machen Sie gerade, eine Linkskurve?"
„Das
ist richtig."
„Eastern
855, steigen Sie jetzt auf Flugfläche 200."
„20.000,
verstanden."
Wieder
war der Flugingenieur mit seinen Aufgaben voll beschäftigt. Er mußte
die letzten Punkte der Engine shut-down Checklist durchgehen und seine
Hebel, Schalter und Instrumente aufräumen.
„Okay,
855, habe Sie wieder auf dem Radar mit Kurs 360. Fliegen Sie 270. Radarführung
nach Biscayne."
„Zwo
sieben null, zurück nach Biscayne, verstanden."
„Noch
irgendwelche Probleme?"
„Ja,
wir haben vorsichtshalber Triebwerk Zwei abgestellt."
„Okay,
brauchen Sie spezielle Betreuung?"
„Nein,
Sir."
„Okay."
Als
N334EA durch 15.000 Fuß stieg, entdeckte Boddy ein weiteres Problem.
Das Warnlicht für zu niedrigen Öldruck im dritten Triebwerk leuchtete
auf. Triebwerk Zwei war bereits stillgelegt, und nun machte Nummer Drei
Schwierigkeiten. Jetzt war die Crew gefordert. Aus dem Routineflug war
eine sehr ernste Angelegenheit geworden. Boddy nahm die Leistung auf dem
dritten Triebwerk langsam zurück. Gleichzeitig reduzierte er den Steigflug.
Noch bevor er sehen konnte, ob das Manöver etwas bewirkt hatte, leuchtete
zum Schrecken der Crew das Warnlicht für zu niedrigen Öldruck
auch bei Triebwerk Eins auf.
Barmes
verglich den Öldruck der zwei noch arbeitenden Triebwerke: bei beiden
war er niedrig und fiel weiter, alle Vorratsanzeigen standen bereits auf
Null. Der kurze Flug sollte zum Notfall werden. Kein Crewmitglied konnte
glauben, was auf dem Instrumentenbord deutlich zu sehen war. Nein, die
01 - anzeigen mußten falsche Werte liefern. Es war unmöglich,
daß alle drei Triebwerke ihren gesamten Ölvorrat zur gleichen
Zeit verlieren konnten. Nur ein elektrischer Fehler konnte zu den falschen
Anzeigen geführt haben. Bevor nicht alles untersucht war, gab es keinen
Grund, noch höher zu steigen. Boddy blieb in 16.000 Fuß bei
gleichbleibenden 300 Knoten Geschwindigkeit, während Thompson Miami
rief und ihr Problem erklärte.
„Miami
Center, Eastern 855, wir haben eigenartige Werte auf den Öldruckanzeigen
an allen drei Triebwerken. Alle sind auf Null. Wir vermuten, daß
es sich um Fehlanzeigen handelt, weil die Wahrscheinlichkeit, daß
drei zur selben Zeit Druck und Ölmenge verlieren, fast ausgeschlossen
ist. Aber das ist unsere Situation."
„Okay,
fine. Why don't you tum right about fifteen degrees. We'll give you direct
to Miami. Maintain flight level twenty thousand, or whatever altitude you
wanna maintain, and we're just gonna have the emergency equipment Standing
by anyway forya."
„Direkt
nach Miami, verstanden, Sir."
Thompson
sprach über die Radiobox Zwei, Barnes erläuterte Miami Technik
die Lage auf dem Dreier VHF - Gerät. Könnte der Ausfall einer
Stromquelle die Anzeigen beeinflußt haben? Boddy schaltete sich ein:
„Niedriger Öldruck und leerer Tank bei allen drei, das muß eine
falsche Anzeige sein. Die Möglichkeit des gleichzeitigen Ölverlusts
auf allen Triebwerken liegt bei eins zu einer Million."
Das
Wartungspersonal in Miami gab sofort einen Hinweis auf eine denkbare Ursache
des Problems: die Wechselstromschiene Nummer Zwei lieferte die Spannung
für die Anzeige des 01-vorrats, in diesem Teil also konnte der Fehler
stecken. Bames überprüfte den Sicherungsautomaten und stellte
normalen Zustand fest. Die wirren Instrumentenanzeigen blieben ein Geheimnis.
Trotz der Probleme schien der Flug zufriedenstellend zu verlaufen.
Boddy
blieb in 16.000 Fuß, ließ aber die Geschwindigkeit auf 230
Knoten zurückgehen. Inzwischen rief Miami Center zurück und erkundigte
sich nach der Anzahl der Menschen an Bord. Thompson gab sie irrtümlich
mit 168 an.
„168,
okay. Ist Ihre Crew dabei?" fragte Miami zurück.
„Nein,
Sir, warten Sie."
Mit
einem ausgefallenen Motor und zwei Triebwerken, deren Ölvorrat alarmierend
war, kam die Frage nach der Anzahl der Menschen an Bord für ihn etwas
unerwartet. Der Controller in Miami aber dachte weiter. Er kalkulierte
ein, daß sich die Lage verschlechtern konnte. Falls eine Rettungsaktion
für Flug 855 notwendig werden sollte, wäre es nützlich,
exakte Zahlen zu haben. Da Thompson sich nicht mehr meldete, wiederholte
Miami die Frage
„Wir
haben drei im Cockpit", antwortete Thompson. „Wir müssen hinten noch
zählen. Die Zahl gebe ich Ihnen in einer Minute."
„Okay."
„Wir
haben sieben hinten."
„Sieben
in der Kabine, okay. Eastern 855, Sie können nach eigener Einteilung
tiefer gehen bis auf 12.000 Fuß."
Thompson
blieb keine Zeit, die Freigabe auf 12.000 Fuß zu bestätigen,
denn die Situation im Cockpit spitzte sich zu. Um 9.33 Uhr fiel Triebwerk
Nummer Drei ohne weitere Vorwarnung mit einem lauten Knall, der das ganze
Flugzeug erschütterte, aus. Die Flammen in den Brennkammern erloschen,
die Düse schwieg. Sie flogen jetzt nur noch mit einem Motor.
„Eastern
855, gerade ist unser Triebwerk Nummer Zwei ausgefallen, Sir."
In
der jetzt entstehenden Hektik hatte Thompson den Ausfall von Nummer Zwei
statt Drei gemeldet.
„Sie
haben Nummer Zwei verloren. Zwei drehen sich noch?"
„Nein.
Wir haben nur noch eins und versuchen Nummer Zwei wieder anzulassen."
„Okay,
wir hören mit. Sie sind zum Direktanflug freigegeben. Luftdruck Miami:
zwei neun acht neun. Sie können, wenn Sie wollen, auf jede Höhe
gehen, die Sie brauchen. Unter Ihnen ist kein Verkehr."
„Okay.
Wir brauchen eine Richtung, einen Steuerkurs, für die 27 Links."
„Okay,
Ihre Position ist jetzt 70 Meilen südöstlich von Miami. Sie sind
noch etwa 14 Minuten weit weg. Steuerkurs zwei acht fünf, 285 nach
Miami."
„285,okay."
„Und
Sie können einen Direktanflug auf die 27 Links einplanen. Wir informieren
die Anflugkontrolle. Rettungsgerät ist in Bereitschaft."
„Verstanden."
Als Nummer Drei ausfiel, war Flug 855 etwa 70 Nautische Meilen vor Miami. Boddy
ging in einen sanften Sinkflug über, um die Fahrt langsam abzubauen.
Er ließ einige der 17 Tonnen Treibstoff ab, denn für den Einmotorenflug
wollte er überschüssiges Gewicht verlieren. Es würde etwa
fünf bis zehn Minuten dauern, um zehn Tonnen Kerosin über Bord
zu pumpen. Dann verblieben immer noch genügend Tonnen für die
Landung. In 15.000 Fuß wurde die Leistung des ersten Triebwerks auf l ,40 EPR erhöht
Bei einer Geschwindigkeit von 225 Knoten würde die TriStar gleichmäßig um 600 Fuß pro Minute tiefer gehen. Die Maschine war jetzt leichter
und konnte nun, wenn auch unter Schwierigkeiten, mit einem Triebwerk auf Kurs gehalten werden. Die Crew richtete sich nach der Checkliste auf den Einmotorenflug ein. Der Betrieb der Steuer- und
Versorgungsleitungen wurde von den Reservesystemen übernommen. Die Belastung durch die Elektrik war auf da noch laufende Triebwerk und die intakte APU verteilt. Die Insel Bimini mußte
jetzt unter ihnen liegen, doch sie entzog sich durch eine niedrige Wolkendecke ihren Blicken. Die Landebahn auf dem Airport Bimini reichte mit ihren 4.000 Fuß nur für kleinere Maschinen.
Sonst aber war das Wetter gut, Miami greifbar nahe. Die Crew glaubte, die Landung zu schaffen. Außer Zweifel allerdings stand, daß die Instrumente korrekt anzeigten und alle Triebwerke
unter Ölmangel litten. Wie lange würde Nummer Eins noch durchhalten?
Der Crew blieb keine Zeit für lange Überlegungen. Sie mußte das zweite Triebwerk, das zuerst ausgefallen war, wieder anlassen. Sorgfältig
ging Boddy nach Checkliste vor. Die Instrumente wurden geprüft um sicherzustellen, daß das Triebwerk frei drehte und nicht wegen eines mechanischen Fehlers in der Tourenzahl nachgelassen hatte. Der Schubhebel
war geschlossen, die Tankpumpen wurden eingeschaltet. Bei einer Flughöhe von 14.000 Fuß war laut Tabelle eine optimale Geschwindigkeit von 225 Knoten vorgesehen, um die
Schaufelräder durch die anströmende Luft in Schwung zu halten. Der Crew unterlief aber ein Fehler, sie stieg in die falsche Tabelle ein und kam folglich zu falschen Werten. Um das Triebwerk im Flug anzulassen,
wurde ein Luftdruck gebraucht, der nur bei einer Fahrt von 285 Knoten entstehen konnte. Bei nur 225 Knoten wäre die Beihilfe des Startermotors notwendig gewesen. Als Boddy zündete, tat sich gar nichts. Das Triebwerk versagte
seinen Dienst, und Boddy gab Anweisung zur Notwasserung.
Bames
konzentrierte sich auf die Checkliste für den äußersten
Notfall: Schwimmwesten anlegen, Schalter entsprechend setzen, Anschnall-
und Nichtraucherzeichen ON, Stellung der Sitze überprüfen, Gurte
nachziehen.
Er
rief Alexiou zu sich und informierte sie. Sie gab die Order für das
Ditching Procedure an die Kabinencrew weiter. Über Mikrofon informierte
sie die Passagiere und erläuterte noch einmal den Gebrauch der Schwimmwesten.
Von Rechts wegen muß er bereits vor dem Start vorgeführt werden,
dabei aber hören die wenigsten zu.
Viele
Passagiere hatten längst bemerkt, daß es Probleme gab und reagierten
hysterisch, einige gerieten in Panik.
In
der TriStar gab es acht Notausgänge, aber auf dem Flug 855 taten nur
sieben Flugbegleiter Dienst. Unter den Passagieren mußte nun eine
vertrauenswürdige und kräftige Person ausgesucht werden, die
an der achten Tür Hilfestellung geben konnte. Es ist einfach, jemandem
das Öffnen der Tür nach erfolgter Wasserung zu erklären,
weil sich die Rutsche, die zugleich Schlauchboot ist, automatisch aufbläst.
Doch niemand meldete sich, niemand war zur Hilfeleistung
bereit. Einige Stewardessen mußten Nachhilfe im Gebrauch der Schwimmwesten
geben. Acht Passagiere hatten bereits die Preßluftpatronen in den
Westen abgeschossen und waren jetzt in ihrer Bewegungsfreiheit enorm eingeschränkt.
Die Fluggäste wurden gebeten, scharfe Gegenstände und Brillen
abzulegen, hochhackige Schuhe auszuziehen und die Sitzlehnen aufzurichten.
Die Stewardessen zeigten ihnen die beste Körperhaltung
für den Moment der Wasserberührung: vorbeugen und die Knöchel
umklammern. Die Passagiere wurden gebeten, sitzen zu bleiben, bis das Flugzeug
zum Stillstand gekommen sein würde. Noch einmal wurden die Notausstiege
gezeigt. Schließlich verstauten die Flugbegleiter alle Gegenstände,
die hätten herumfliegen können.
Im
Cockpit ging es hektisch zu. Miami Center fragte höflich nach der
an Bord befindlichen Kraftstoffmenge. Die Information war für die
Rettungsmannschaften sehr wichtig. Aber die Crew war so beschäftigt,
daß Thompson den Ruf überhörte.
„Say
again, Sir."
„Wenn
ihr Zeit habt", wiederholte Miami, „gebt mal die Spritmenge durch."
„Okay,
wir haben noch 36.000 Ib."
„Verstanden,
Eastern 855, geht auf 6.000 oder jede andere Höhe, die ihr braucht.
Sagt Bescheid."
„Machen
wir."
„Und,
Eastern 855, wie läuft es im Moment?"
„Es
läuft so."
„Okay
Eastern 855, eure Position: 59 Meilen Südost von Miami Airport. Kurskorrektur
um fünf Grad nach links. Ihr habt bei gleichbleibender Fahrt noch
13 Minuten."
„Roger."
Um
9.33 Uhr, sie passierten noch über See 12.000 Fuß, trat das
Befürchtete ein: so plötzlich, wie das Triebwerk Nummer Eins
ausgefallen war, verabschiedete sich nun Nummer Drei, die Drehzahl fiel
ab.
„Wir
haben noch ein Triebwerk verloren. Gerade ist das dritte ausgefallen."
„Okay,
habt ihr die anderen wieder angelassen?"
„Noch
nicht."
„Läuft
denn überhaupt noch was bei euch?"
„Nein,
negativ."
55
Meilen vor Miami segelte die TriStar aus eigener Kraft. Es ging mit 1.600
Fuß pro Minute und einer Horizontalgeschwindigkeit von 225 Knoten
abwärts. Zum Glück arbeitete die APU, die Hilfsturbine. Sie versorgte
sowohl die hydraulischen als auch die elektrischen Systeme und ermöglichte
eine zufriedenstellende Steuerung.
Die
Triebwerke drehten im Luftstrom still vor sich hin. Jetzt war eindeutig
zu sehen, daß Ölmangel die Ursache für dieses Desaster
war. Aber wieso fielen gleich drei Triebwerke auf einmal aus? Der Fehler,
das konnte die Crew noch nicht wissen, war bei der Wartung in der vergangenen
Nacht gemacht worden. Die magnetischen Master Chip Detektors waren an jedem
der drei Triebwerke herumgedreht und im Plastikbeutel zur Untersuchung
der Stahlspäne geschickt worden. Normalerweise gab der Vorarbeiter
in der Werft neue Fühler aus. Weil dort in
der Frühe des 5. Mai aber niemand arbeitete, nahm einer der Mechaniker
die neuen Teile aus dem Lager. Dabei bemerkte er nicht, daß die Dichtringe
für die Ölleitungen fehlten. Ein Zettel im Plastiksack schien
zu bestätigen, daß alles für den Austausch vorbereitet
war. In der Dunkelheit konnte der Fehler leicht übersehen werden.
Für die Dichtkontrolle ließ man die Triebwerke zehn Sekunden
drehen. Kein Tröpfchen war zu sehen, keine Beanstandung. Erst später
fand man heraus, daß frühestens nach 30 Sekunden Leerlauf Spuren
einer Leckage zu finden sind. Die Arbeit wurde ordnungsgemäß abgezeichnet, und das Flugzeug
rollte ohne Dichtungen zum Start. |