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LTU

Mit
der Ausmusterung von Romeo Tango und Romeo Lima im März und April
1996 ging bei LTU unwiderruflich eine Ära zu Ende, mit der sich
die vielen langjährigen Mitarbeiter des Unternehmens identifizieren
konnten, denn mit der TriStar ist LTU groß geworden. Deshalb ist
auch einiger Wehmut beim Abschied dabeigewesen, denn viele Erinnerungen
verbanden sich aus 23 Jahren Firmengeschichte mit diesem Flugzeug, dessen
Einsatz eigentlich interessanter als der der heutigen Flotte ist und vielleicht
noch, wenigstens in den ersten zehn Jahren, ein Hauch von Abenteuer
besaß.
Es
ist tatsächlich so, daß die außergewöhnlich robuste
und solide Konstruktion der L-1011, zusammen mit einem professionellen
Umgang in Betrieb und Pflege, einen entscheidenden Beitrag geleistet hat.
Nicht auszudenken was mit der LTU geschehen wäre, hätte sie damals
das Konkurrenzmodell DC-10 gewählt.
Es
kann hier aus Platzgründen nicht auf die vielen technischen Besonderheiten
der L-1011 eingegangen werden, deshalb sind die interessantesten erwähnt.
Da waren die praktisch unbegrenzte Lebensdauer der Zelle, erreicht durch
Metallklebeverfahren, die Unterflur - Galley mit ihrer Ladeluke, zu erreichen
vom Hauptdeck mit zwei Aufzügen, der einziehbare Hecksporn, die Lounge
im Frachtraum, die Falttreppe zur Hauptkabine, die Direct - Lift
- Control, das voll bewegliche Höhenleitwerk (Flying Stabilizer),
der RB.211 Motor mit seiner kompakten Drei - Wellen - Bauweise , oder das
Active - Control - System der L-1011-500.
D-AERA
hatte bei ihrer Auslieferung als Sonderausrüstung die faltbare Treppe
eingebaut, auch "Airstairs" genannt, die aus dem C2-Frachtraum auf
der rechten Seite aufklappte und zum Ein - und aussteigen diente. Sie war
aber in der Wartung zu kompliziert und auch zu schwer für einen wirtschaftlichen
Betrieb des Flugzeugs und wurde bald wieder ausgebaut. Die drei im Jahre
1977 gekauften L-1011 D-AERI/RE/ RU sollten ursprünglich an PSA gehen,
die als Novum eine Unterflurlounge im vorderen Frachtraum einbauen ließ.
Diese wurde von der LTU übernommen und als "Club Lounge" für
etwa DM 200,- Aufpreis angeboten. Sechzehn Passagiere fanden hier Platz,
zusätzlich zu den 329 auf dem Hauptdeck. Über eine breite
Treppe war diese Lounge bequem zugänglich, sie hatte eine bestens
ausgestattete Bar und eine eigene Stewardess kümmerte sich um die
Clubgäste. Eine im Cockpit installierte Videokamera übertrug
auf zwei Bildschirme Start oder Landung. Auf Ablehnung stieß diese
Lounge allerdings wegen der fehlenden Fenster und deshalb wurden sie Anfang
der achtziger Jahre wieder ausgebaut. Ebenso der markante Vestärkungsschuh
unter dem Vorderrumpf, der die Insassen im Falle einer Bauchlandung schützen
sollte. Insgesamt wurden 1,8 Tonnen Gewicht eingespart, aber der leere
Raum wurde aus Zulassungsgründen nie wieder als Frachtraum benutzt.
Die
drei PSA - Maschinen hatten als weitere Besonderheit anstelle der üblichen
Unterflurgalley - Ladeluke für das Catering eine Luke mit eingebauter
Falttreppe, über die man vom Vorfeld aus via die Lounge einsteigen
konnte. Die wurde natürlich auch entfernt und die Klappen aus technischen
Gründen versiegelt. Als Folge davon mußte die Catering
- Beladung, die zum größten Teil in der unteren Galley gestaut
werden mußte, immer über die beiden Aufzüge vom Oberdeck
geladen werden. Diese beiden Aufzüge waren mit je einer Person oder
einem Trolley benutzbar, waren sehr eng und unbequem und fuhren mit einem
martialischen Geräusch auf und abwärts. Aufzugfahren in 10000
Metern Höhe, wo hat es denn so etwas noch gegeben, außer in
den Tri-Jets ?
Mit
der L-1011 wurde auch die Ära des Flugingenieurs als dritter Mann
im Cockpit beendet. Dieser wird ersetzt durch die sogenannten automatischen
"System Controller". Sein Arbeitsplatz galt über Jahrzehnte als unverzichtbar
auf allen großen Flugzeugen, wo er verantwortlich war für die
Systembedienung, Triebwerksüberwachung und vieles mehr. Diese Arbeitsteilung
war vernünftiger und sicherer, ebenso sehen sechs Augen mehr als vier.
Er kontrollierte auch die vorderen Instrumente, hörte den Funk mit,
überwachte die Leistung der einzelnen Motoren, prüfte die Drehzahlen
der einzelnen Wellen, den Kerosinverbrauch, das Abfliegen des Gewichtes,
die Wetterberichte, er konnte den beiden Vorderleuten zuarbeiten und zur
Not auch einen defekten Kaffeekocher in der Galley reparieren. Seine Ausbildung
begann damals an der Flugtechnikschule in Essen - Mülheim mit einem
halben Jahr systemungebundener Flugtechnik, dann ging es zu Lockheed nach
Palmdale, wo ein sechswöchiger Grundkurs stattfand mit anschließendem
Simulatortraining. In Palmdale erhielten auch die ersten LTU - Piloten
ihr Typrating für die L-1011. Im Jahre 1989 konnte man endlich in
einem eigenen Simulator trainieren, dieser wurde von United Airlines gekauft
und gemeinsam mit American Trans Air (ATA) in Miami betrieben. Dort trainierte
die dreiköpfige Crew das Bewältigen von Extremzuständen,
wobei immer das Crew Coordination Concept (CCC) als Teamprüfung im
Vordergrund stand. Diese Simulatorchecks fanden für die Piloten alle
sechs Monate statt.
Die
Anfänge der LTU - Langstreckenfliegerei gingen mit der "Dash-One"
TriStar immer über die klassischen Routen mit Tankstopps entlang der
Strecke, da die Reichweite dieser Maschinen etwas anderes nicht zuließ.
Auf dem Nordatlantik wurde auf der nördlichen Route Shannon, Gander
und Bangor angeflogen, auf der südlichen Route ging es über Santa
Maria auf den Azoren. In Richtung Osten war Bahrain der häufigste
Zwischenhalt auf dem Weg nach Colombo oder Bangkok. Da ging es also dann
nach Los Angeles oder Nassau über Bangor, wo natürlich jedesmal
die Crew gewechselt werden mußte. Die Zwischenstopps hingen ab von
jeweiligen Winden und Wetterverhältnissen, man konnte eigentlich nie
langfristig voraus planen wie die Route dann tatsächlich verlief,
genau wie in der alten Kolbenmotorzeit der 50'er Jahre.
Die
D-AERU war Ende 1977 das Flugzeug, daß von seinen Voraussetzungen
her am besten für die Langstrecke geeignet war. Romeo Uniform war
nie eine -l TriStar, auch keine -100, sondern eine dazwischen liegende
Variante -50.
Sie
hatte durch strukturelle Verstärkungen vom Werk aus ein höheres
mögliches Startgewicht und konnte wahlweise nach Bedarf mit verschiedenen
Gewichten betrieben werden. Um eine höhere Flexibilität zu erhalten
wurde D-AERN, ursprünglich eine -l, im April 1986 von LTU mit der
Modifizierung der -200 umgebaut, was die neuen sparsamen und leistungsstarken
RB.211-524 Triebwerke und strukturelle Verstärkungen an Zelle und
Fahrwerk betraf. Sie war jetzt korrekt eine L-1011-385-1-14 und konnte
wie D-AERU mit zwei Gewichten operieren. Die mögliche Tankkapazität
blieb aber bei beiden unverändert. Trotzdem konnte Romeo November
jetzt bei günstigen Wetterlagen auch mal von München nach New
York nonstop fliegen, was aber von der Reichweite dann ausgereizt war.
Die
homogene TriStarflotte war damals klein und überschaubar. Die Maschinen
hießen bei Piloten und in der Technik einfach die "Echo", die "Yankee",
die "India" oder die "November". Auch war das Einsatzprofil wesentlich
klarer. Bis auf RU und RN operierten die TriStar nur im Nah- und Mittelstreckenbereich,
von RT und RL abgesehen. Natürlich konnten sie auch nach Übersee,
aber nur mit mehreren Tankstopps und vorherigem Einbau von Trägheitsnavigations
- Geräten. Dafür waren sie alle vorgesehen und entsprechend verkabelt,
aber die ANS / Omega - Geräte waren nur in den speziellen L-1011 ständig
installiert.
Aufgrund
regelmäßiger Langstreckeneinsätze bekamen RU und RN ab
1992 ständig zwei Litton INS - Geräte eingebaut. Heutzutage ist
das wesentlich einfacher, einer MD-11 oder einer Boeing 767 ist es ziemlich
egal, ob es in den nahen Mittelmeerbereich geht oder zum Indischen Ozean.
Sie sind überall gleich günstig einsetzbar ohne irgendwelche
Vorarbeiten. Gab es in der TriStar - Ära einen Aircraft - Change,
sei es aus Verspätungsgründen oder einem technischen Problem,
gab es die interessantesten Umläufe mit den "langen" L-1011.
Auch
wenn eine -500 im C- oder D- Check war, wurden ihre Kurse auf eine andere
L-1011 umgestellt. Hier einige authentische Beispiele von Streckenführungen
aus mehreren zusammenhängenden Tagen des Winters 1991.
D-AERN:
DUS-YQX-MIA-DUS-YQX-HAV-DUS-SNN-BGR-MIA-BGR-DUS-SMA-HOG-SMA-DUS.
D-AERU:
DUS-SMA-PMV-SMA-FAO-DUS-SMA-POP-YQX-DUS-SHJ-CMB-SHJ-DUS.
Klassisch
in diesem Sinne war der allerletzte Langstreckenflug von Romeo November
bei LTU, die kurzfristig den Kurs LT 446 von Romeo Lima am 22. Oktober
1995 übernehmen mußte: DUS-SMA-PUJ-NTE-DUS, danach ging es sofort
weiter nach PFO-LCA auf Zypern.
Als
1980 die TriStar-500 kam, änderten sich solche Umläufe bei LTU
drastisch. Dazu Ulf Loer, über 15 Jahre Flugingenieur auf der L-1011:
".... dann war Crew - Change nach fünfeinhalb Stunden in Bangor oder
Bahrain, damals dachte man, das wäre Langstreckenfliegen. So hat das
angefangen, dann kamen die -500, jetzt flogen wir das durch! Das war jetzt
Langstreckenfliegen, wir flogen über Gander hinweg, haben das Wetter
abgehört und Guten Tag gesagt, die haben sich gefreut, daß es
uns noch gibt. Das war schon ein gravierender Umbruch für die Besatzungen,
von fünf, sechs Stunden auf zehn bis elfeinhalb auf einmal!"
Manch
einer wird sich gefragt haben, warum bei den TriStar der LTU die Radfelgen
immer so schön rot lackiert waren. Die Ursache dafür waren die
höheren Gewichte von RT/RL und RN, die Achsen und Felgen höherer
Festigkeit benötigten. Zur Unterscheidung von den normalen -l Felgen
wurden diese rot markiert. Nach und nach wurden bei Neukäufen nur
noch stärkere Felgen gekauft und irgendwann war die gesamte Flotte
damit ausgerüstet. So konnte in den letzten zwei Jahren auf die Rotbemalung
verzichtet werden und Mischfelgen im Aussehen wurden normal. Die TriStar
wurden bis zum Schluß auf einem modernen technischen Standard gehalten.
Sie hatten alle im Rahmen der D Checks das TCAS System erhalten, Windshear
- Equipment, CAT III - Befähigung und Stage 3-Zulassung. Alle Maschinen
waren bis zur Ausmusterung in einem sehr guten Zustand, der sich auch positiv
im Verkaufspreis bemerkbar machte. Einer der Gründe, warum die L-1011
wenig Korrosion hatten war der vorwiegende Einsatz zu Schönwetterzielen,
keine feuchte Fracht oder salzhaltiger Fisch in den Frachträumen.
Interessant ist auch der vermehrte Einsatz der -500 auf Kurz- und Mittelstrecken
in den letzten Jahren. Obwohl diese Maschine im Betrieb viel zu teuer auf
solchen Strecken war, konnte es doch lukrativ sein, diese einzusetzen da
die Flugzeuge bezahlt und abgeschrieben waren und daher nur die Betriebskosten
anfielen. Durch ihren guten Zustand im fortgeschrittenen Alter war sie
selbst in der Wartung noch recht günstig, da sie weniger Cycles als
die -l absolviert hatte. So konnte man sie dann schon öfter in Santa
Cruz auf La Palma oder auf Ibiza sehen.
Wenn
Flugzeuge so lange bei einer Gesellschaft im Einsatz stehen, bekommen sie
ein eigenes "Gesicht", jeder TriStar war individuell sogar von außen
leicht zu erkennen. Es war nicht nur der letzte Buchstabe der Registrierung
über den Cockpit - Frontscheiben, es waren auch die "Narben und Blessuren"
die ein Flugzeug durch die Jahre erhält. Die aufgepackten Blechverstärkungen
im Türbereich, einzelne Blechflicken auf der Zelle, reparierte Stellen
auf der Kunststoffverkleidung und weitere Erkennungsmerkmale.
Markant
waren auch die unterschiedlichen Varianten, wie der -524 Motor von RN oder
die Composite - Cowling von RV, die RT und RL nicht hatten. Ein untrügliches
Zeichen für das Ende dieser Ära war bereits der Verkauf des Heck
- Wartungsdocks der L-1011 aus der Halle 8, das im Oktober 1995 demontiert
wurde. Auch akustisch unterschied sich die TriStar immer von anderen Flugzeugen,
denn die Rolls Royce RB.211 Motoren erzeugten beim Anlassen dieses unvergeßliche
pulsierende dumpfe Brummen, mit dem tiefen Unterton. Ebenso ihre Qualmentwicklung
bei einem "Hot-Start" beim Anlassen war ein weiteres unverwechselbares
Merkmal des TriStar. Zeitgleich mit dem Abschied der beiden verbliebenen
-500 erschien der allererste TriStar von LTU wieder in Düsseldorf.
Die ehemalige D-AERA , die für kurze Zeit im Wet Lease für LTU
als Ersatz für verspätet gelieferte Flugzeuge von Boeing im Einsatz
stand. |